Meine erste Selbsternte-Saison in Wien #1

Man kommt an einem Punkt in seinem Leben an, an dem einem plötzlich etwas fehlt. Die Einen kaufen sich eine Handtasche zum Preis von einem Kleinwagen,

been there

die anderen setzen sich mit Handgepäck in einen Bus und schlafen im Hostel mit fremden Menschen im Zimmer

done that.

Selbsternte Erfahrungen | VanportraitKitchen - Wiener Foodblog

Also was tun, wenn sich plötzlich die Welt um einen weiterdreht, und man still am Rand steht?

Ich habe Anfang 2015 kurzerhand entschieden, dass ich etwas brauche, das mich erdet, mich auf den Boden der Tatsachen holt, mir Zeit zum Nachdenken einräumt, und gleichzeitig die Möglichkeit bietet die aktuelle Situation in Ruhe zu sortieren und herauszufinden wohin es in Zukunft gehen könnte.

 

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Erden mit Erde fand ich unangestrengt einleuchtend und passend. Ich hatte Glück, und fand nicht nur das für mich passende Selbsterntefeld praktisch ums Eck von meinem Lebensmittelpunkt und Arbeitsplatz, sondern bekam die Parzelle auch tatsächlich. Das Erste, das ich nämlich sofort lernen musste, war, dass das gar keine Selbstverständlichkeit in Wien ist. Der Andrang ist enorm. Da ich nicht nur zum Spaß mit dem Sätzchen ‚Ich esse Bio.“ um mich werfe, sollte es auch ein Feld mit kontrolliert biologischem Anbau sein. – Noch schwieriger zu finden.

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Im April besuchte ich regelmäßig das Grundstück im Westen Wiens, neben der Hochschule für Agrar und Umweltpädagogik, mit Blick auf die Steinhofgründe und die Otto Wagner Kirche, und sah durch den Zaun dem Unkraut neugierig beim Wachsen zu.

Ein Stadtkind eben. Erinnerungen an die Kindheit wurden wach. Karotten mit der Oma ernten. Die Narbe am Kinn vom balancieren auf dem Betonrand mit dumpfem Aufschlag im Zwiebelbeet einen Abend vor der Abreise in den Sommerurlaub. Heimlich vor dem Frühstück barfuß rohe Erbsen naschen. So kannte ich Gemüseernte. Das kann doch 30 Jahre später nicht schwieriger werden. Es kam anders. Stiefel, Arbeitshandschuhe, aber vor allem ich waren bereit. Das Wetter nicht.

Feldübergabe 6.5.2015

Die Feldübergabe musste zwei Mal, wegen Schlechtwetter, verschoben werden. Wien eben. Am Tag der Feldübergabe regnete es. Ich wollte eh nur kurz vorbei schauen …

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Nur schauen gibt’s nicht. Das kleine Kisterl mit den Jungpflanzen sollte direkt und gleich in die Erde, und war übrigens neben drei Samen-Sackerln alles was mir für meine Parzelle zur Verfügung stand.

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Es war ein richtig harter erster Monat. Das mit dem erden und auf den Boden der Realität holen ging schnell. Ich konnte Unkraut nicht von Jungpflanzen und Keimlingen unterscheiden. Was ich damals noch nicht wusste: Ich riss alle Karotten und Petersilienpflanzen aus bzw. ackerte sie um. Rückenschmerzen, schmutzige und abgebrochene Fingernägel, ruinierte Schuhe, … alles dabei. Ich ging trotzdem weiter mindestens 4x die Woche hin. Die Ruhe tat mir gut. Der Ausblick am Heimweg sowieso.

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Und dann zeichneten sich erste Erfolge ab. Baby-Mangold und kleine Rote Rüben Blätter durchbrachen die Erde, und ich war richtig begeistert als ich zum ersten Mal mit einer kleinen Ernte nach Hause kam.

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Da ich letzten Sommer richtig beschäftigt war mit dem echten Leben, blieben die Blogeinträge zu diesem neuen Lebensabschnitt aus. Ich hatte nur ein Fotoalbum mit ersten Eindrücken in Wort und Bild auf meinem Handy gefüttert und auf der Steller-App veröffentlicht, die man aber auch sehr bequem am Desktop öffnen kann. (link: click)

Für Freunde der quadratisch-praktischen Bilderwelt: Auf meinem Foodblog-Instagram-Account @vanessakocht kann man unter dem Hashtag #VkgoesFarmersLife die ganze 1. Saison 2015 noch einmal Revue passieren lassen, und natürlich werde ich auch in der 2.Saison 2016 diesen Hashtag weiterverwenden: click

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Anzucht

Und die Selbsternte-Saison 2016 begann für mich gestern Abend mit dem 1.Infoabend für alle Parzellen-Mieter. Das Samensackerl, das ich für meine Parzelle erhalten habe, werde ich heuer nicht – wie letztes Jahr – ignorieren, und Kürbisse, Gurken und Zucchini in einem Anzuchtkasten vorziehen. Das hat 2 Vorteile: Zum einen sehe ich, ob die Samen aufgehen und muss nicht die Fläche am Feld wochenlang freihalten bis ich Gewissheit habe. Zum anderen habe ich 3 Wochen Vorsprung und kann die ersten Feldfrüchte früher ernten.

Am 27.4.2016 ist Feldübergabe und ich kann es kaum erwarten. Diesmal bin ich ein bisschen besser vorbereitet. Möchte auch gerne einige Notizen zu Pflanz- und Erntezeiten festhalten, und vielleicht hier auf vanportraitkitchen.com ein paar Vergleichsbeiträge posten.  Was sich bewährt hat, was sich geändert hat und was wieder neu für mich war. Mal sehen wieviel Zeit ich übrig habe …

Empfehlen kann ich Dir so eine Erfahrung auf jeden Fall. Ob ein Single-Feld alleine oder ein Familienfeld gemeinsam.

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4 Gedanken zu “Meine erste Selbsternte-Saison in Wien #1

  1. Servus, Vanessa!
    ‚…ich konnte Unkraut nicht von Jungpflanzen und Keimlingen unterscheiden. Was ich damals noch
    nicht wusste: Ich riss alle Karotten und Petersilienpflanzen aus bzw. ackerte sie um.‘

    *lach* – ich fand diesen Satz herzerfrischend lustig! 🙂
    Ging mir nicht viel anders… und ich muß eines sagen: Deine einleitenden Worte sind mir wie aus dem Herzen geschrieben: Ich hab meinen Palettengarten aus ziemlich den gleichen Gründen angelegt. Die Erdung, das Direkte, das Nichtkäufliche… 😉

    Und wie auch bei Dir ist der Effekt absolut eingetreten und dieser ‚Platz mit Natur‘ ist eine Energiequelle sondergleichen für mich.
    Freu mich schon auf Deine Berichte! 🙂
    Fallst mal reinschauen willst – hier ist der link in den Palettengarten *g*: http://www.warmekueche.at/palettengarten/unser-palettengarten-2015/

    Liebe Grüße!
    W.

    1. Wolfgang, danke für Dein Feedback. Dein Palettengarten ist ein Traum. Ich hab hin mir schon öfter a gesehen. Vorbildlich. Meine Parzelle und ich freuen uns immer über Erntebesuch ab Ende Juni!

      1. Jooooo! Supercool… 🙂
        Wir könnten uns ja irgendwie austauschen, was der/die eine gerade (vielleicht wieder mal) irrtümlich ausgerupft und der andere dafür geernet hat. *gg*
        Ich bring mein selbstgeflochtenes Bastkörbchen! *lol*

      2. Spitzenidee. Dass Du Körbe flechten kannst, ist aber hoffentlich ein Scherz! Einer meiner Handwerks-Träume, neben dem Sattlerstich.

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